Die Landkarte ist nicht das Gebiet: Warum Modelle Wahrscheinlichkeiten beschreiben – und keine Dogmen sind
In der Wissenschaftstheorie gibt es ein berühmtes Diktum von Alfred Korzybski: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet.“ (The map is not the territory.) So einleuchtend dieser Satz klingt, so schwer fällt es uns manchmal, danach zu handeln. Wenn eine Landkarte einen Weg verzeichnet, der vor Ort längst überwuchert ist, käme schließlich niemand auf die Idee zu behaupten, die Landschaft müsse falsch sein. Wir würden feststellen: Unsere Landkarte bildet die Wirklichkeit nicht mehr vollständig ab.
In der öffentlichen Debatte, in der Medizin, im Management und auch in der Wissenschaft passiert jedoch immer wieder etwas Ähnliches: Modelle, Leitlinien oder Lehrbuchwissen werden mit der Wirklichkeit verwechselt, die sie beschreiben sollen. Dabei sind Modelle gerade deshalb nützlich, weil sie Wirklichkeit vereinfachen. Sie helfen uns, Regelmäßigkeiten zu erkennen, Erwartungen zu bilden und Entscheidungen zu treffen. Problematisch wird es erst, wenn aus einer gut begründeten Erwartung eine vermeintliche Gewissheit wird.
Ein scheinbar banales Naturereignis hat mich daran gerade wieder erinnert: eine Traube Honigbienen am 21. September.
Wenn die Realität nicht zur Erwartung passt
Die klassische Schwarmzeit der Honigbiene liegt in unseren Breiten vor allem im Frühjahr und Frühsommer. Im September beschäftigt sich der Imker normalerweise mit ganz anderen Dingen: Die Völker werden auf den Winter vorbereitet, die Futterversorgung muss stimmen und die Varroabelastung im Blick behalten werden. Ein Anruf mit der Nachricht „Bei uns hängt ein Bienenschwarm“ passte deshalb zunächst überhaupt nicht in mein Bild.
Meine erste Reaktion war entsprechend: Das sind wahrscheinlich Wespen. Das war zunächst sogar eine durchaus vernünftige Hypothese. Wespen sind zu dieser Jahreszeit sehr präsent, während ein Bienenschwarm Ende September ausgesprochen ungewöhnlich ist. Also bat ich die Anruferin, mir zunächst ein Foto zu schicken. Dann kam das Foto. Und darauf waren ziemlich eindeutig keine Wespen zu sehen. Da hing tatsächlich eine Traube aus Honigbienen in einer Hecke.
Meine Erwartung sagte Nein. Die Beobachtung sagte: Schau noch einmal hin.
Also packte ich meine Imkersachen zusammen, nahm eine Beute mit geschlossenem Boden und ausgebauten Waben mit und fuhr los. Vor Ort bestätigte sich das Bild: In der Hecke saß tatsächlich eine kleine Bienentraube. Mit einem Eimer konnte ich die Bienen aus der Hecke holen und in die vorbereitete Beute einschlagen. Dann hieß es warten. Würden sie wieder ausziehen oder die angebotene Behausung annehmen? Sie blieben.
Beobachtung und Erklärung sind nicht dasselbe
An dieser Stelle wird die Geschichte wissenschaftlich interessanter. Denn was habe ich eigentlich beobachtet?
Zunächst einmal nur dies: Am 21. September befand sich eine frei sitzende Traube aus Honigbienen in einer Hecke.
Umgangssprachlich nennen wir so etwas schnell einen „Schwarm“. Ob es sich aber tatsächlich um einen klassischen reproduktiven Schwarm gehandelt hat, ist damit noch nicht geklärt. Möglicherweise hatte das Volk seinen bisherigen Nistplatz aus anderen Gründen verlassen. Parasitenbelastung, Störungen am bisherigen Standort oder andere ungünstige Bedingungen könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Auch ob sich eine Königin unter den Bienen befindet, muss sich erst noch zeigen.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Eine Beobachtung und ihre Erklärung sind nicht dasselbe.
Gerade wenn etwas Unerwartetes geschieht, besteht die Gefahr, vorschnell von der Beobachtung auf eine Ursache zu schließen. Aus „Da hängt im September eine Traube Honigbienen“ wird dann schnell „Bienen schwärmen eben doch im September“. Vielleicht stimmt das in diesem Fall sogar. Vielleicht aber auch nicht. Die Antwort lautet: Ich weiß es noch nicht. Und genau das ist kein Mangel wissenschaftlichen Denkens, sondern eine seiner wichtigsten Voraussetzungen.
Modelle sind keine Naturgesetze
Wissenschaftliche Modelle helfen uns dabei, Regelmäßigkeiten in einer komplizierten Welt zu erkennen. Unter typischen mitteleuropäischen Bedingungen konzentriert sich das Schwarmgeschehen der Honigbiene auf Frühjahr und Frühsommer. Daraus entsteht eine vernünftige Erwartung: Je weiter das Jahr fortgeschritten ist, desto ungewöhnlicher wird ein Schwarm.
Aber ungewöhnlich bedeutet nicht unmöglich.
Der Fehler beginnt dort, wo aus einer Wahrscheinlichkeitsaussage unbemerkt eine deterministische Aussage wird. Aus „Bienenschwärme treten typischerweise im Frühjahr und Frühsommer auf“ wird irgendwann: „Im September gibt es keine Bienenschwärme.“ Das klingt ähnlich, ist erkenntnistheoretisch aber etwas völlig anderes.
Die erste Aussage beschreibt eine Regelmäßigkeit und lässt Abweichungen zu. Die zweite formuliert faktisch ein Gesetz. Eine einzige glaubwürdige Gegenbeobachtung genügt dann, um zumindest diese absolute Formulierung infrage zu stellen.
Die Landkarte brauchen wir trotzdem
Aus solchen Beobachtungen lässt sich allerdings auch der gegenteilige Fehlschluss ziehen: Wenn es Ausnahmen gibt, seien Modelle, Lehrbücher und wissenschaftliche Erkenntnisse offenbar wenig wert. Auch das wäre falsch.
Eine Landkarte wird nicht nutzlos, nur weil ein Weg anders verläuft als eingezeichnet.
Ohne Modelle wären wir weitgehend orientierungslos. Auch meine erste Einschätzung am Telefon beruhte auf einem Modell der Wirklichkeit: Aufgrund meines Wissens und meiner Erfahrung hielt ich einen Bienenschwarm Ende September für sehr unwahrscheinlich und Wespen für die plausiblere Erklärung. Das Problem bestand nicht darin, eine solche Erwartung zu haben.
Entscheidend war, was danach geschah. Ich bat um ein Foto. Das Foto passte nicht zu meiner Hypothese. Also änderte ich nicht die Beobachtung, sondern meine Einschätzung. Im Kleinen ist das ziemlich genau die Haltung, die Wissenschaft benötigt: Wir bilden auf Grundlage des vorhandenen Wissens Erwartungen über die Wirklichkeit. Dann konfrontieren wir diese Erwartungen mit Beobachtungen. Stimmen beide überein, hat sich unsere Annahme zunächst bewährt. Stimmen sie nicht überein, müssen wir genauer hinsehen.
Vielleicht war die Messung falsch. Vielleicht haben wir etwas übersehen. Vielleicht gelten unsere Annahmen unter diesen Bedingungen nicht. Vielleicht benötigen wir eine zusätzliche Erklärung. Und manchmal müssen wir tatsächlich unser Modell verändern.
Die eigentliche Gefahr ist Gewissheit
Problematisch wird wissenschaftliches Wissen deshalb nicht dadurch, dass wir ihm vertrauen. Im Gegenteil: Es gibt gute Gründe, Erkenntnisse ernst zu nehmen, die sich in systematischer Forschung immer wieder bewährt haben. Problematisch wird es, wenn wir vergessen, welchen epistemischen Status dieses Wissen besitzt.
Modelle sind keine Abbilder der Wirklichkeit im Maßstab 1:1. Sie reduzieren Komplexität. Empirische Regelmäßigkeiten sind keine Garantien für jeden Einzelfall. Mittelwerte beschreiben nicht zwangsläufig jedes Individuum. Wahrscheinlichkeiten sind keine Gewissheiten. Und selbst sehr gut bestätigte Erklärungen bleiben grundsätzlich an Beobachtungen gebunden. Das verlangt etwas, das man als epistemische Demut bezeichnen kann: die Bereitschaft anzuerkennen, dass unser Wissen vorläufig, fehlbar und korrigierbar ist.
Das bedeutet keineswegs, dass jede Behauptung gleich viel wert wäre oder wir nichts wissen könnten. Im Gegenteil. Gerade weil wir zwischen besser und schlechter begründeten Aussagen unterscheiden können, ist es wichtig, auch den Grad unserer Gewissheit angemessen auszudrücken.
Fazit: Im Zweifel die Landkarte korrigieren
Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Aber ohne Landkarte wären wir orientierungslos.
Wissenschaftliches Denken bedeutet deshalb weder, Modelle blind zu verehren, noch sie beim ersten ungewöhnlichen Befund wegzuwerfen. Es bedeutet, Modelle als vorläufige und prüfbare Beschreibungen der Wirklichkeit zu behandeln. Sie strukturieren unsere Erwartungen – und müssen sich zugleich immer wieder an Beobachtungen bewähren.
Am 21. September hing in einer Hecke eine Traube Honigbienen. Warum sie dort hing, weiß ich noch nicht. Vielleicht war es tatsächlich ein sehr später Schwarm. Vielleicht hatte das Volk seine bisherige Behausung aus anderen Gründen verlassen. Vielleicht liefern die nächsten Tage weitere Hinweise. Ich hatte jedenfalls eine plausible Erwartung. Dann kam eine Beobachtung, die nicht dazu passte. Also musste ich genauer hinschauen. Und vielleicht ist das die schönste wissenschaftstheoretische Lektion, die einem ein paar Bienen an einem Septembernachmittag erteilen können:
Nicht die Wirklichkeit muss sich unserer Landkarte anpassen. Im Zweifel müssen wir die Landkarte neu zeichnen.


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